Kunst | Tim Burger

Tim Burger – Über Raum, Energie und kontrolliertes Chaos

Ein Gespräch über Natur, Techno, Licht und die Frage, wann ein Bild wirklich fertig ist.

Wenn ich Tim Burger in seinem Atelier besuche, wirkt der Raum wie ein kontrollierter Ausnahmezustand. Zwischen Pflanzen, Farbspritzern und großformatigen Leinwänden spricht er über Natur, elektronische Musik und die Energie elementarer Kräfte – und darüber, warum seine Malerei gleichermaßen Struktur und Chaos braucht. Ein Ort, an dem Design, Instinkt und Farbe zu einer eigenen Bildsprache werden.

Wenn man dein Atelier betritt – was erzählt dieser Raum über dich, noch bevor du ein Wort sagst?

Wahrscheinlich zuerst: Natur. In meinem Atelier gibt es eine große grüne Dschungelwand. Pflanzen sind für mich ein wichtiger Teil meiner Inspiration. Ich hätte am liebsten ein Atelier mitten im Grünen – weil das nicht so einfach ist, habe ich mir mein eigenes Grün nach innen geholt.

Gleichzeitig erzählt der Raum auch viel über meine Arbeitsweise. In meinem alten Atelier hat man den Boden irgendwann kaum noch gesehen, weil alles voller Farbe war. Meine Malerei braucht Platz, Bewegung und auch die Freiheit, Dreck zu machen. Das ist nichts, was auf einer kleinen Staffelei im Garten funktioniert.

Du sprichst davon, dass du „Raum brauchst“. Wann entsteht dieser Raum wirklich?

Raum ist für mich erst einmal ganz konkret Platz. Ich brauche ihn, weil meine Arbeiten ausladend entstehen. Ich bewege mich viel, schiebe Bilder zur Seite, springe zwischen Ideen hin und her.

Aber Raum ist auch etwas Mentales. Manchmal merke ich: Jetzt ist in meinem Kopf Platz für eine Idee. Dann kann ich ins Atelier gehen und ihr Raum geben. Gerade abstrakte Kunst braucht für mich beides – den physischen Raum und den inneren.

Deine Arbeiten wirken wie ein Dialog zwischen Kontrolle und Loslassen. Ist Chaos für dich ein Ausgangspunkt – oder ein Ziel?

Ich beginne meistens mit Struktur. Das kommt sicher aus meinem Grafikdesign-Hintergrund. Ich mache Skizzen, teste Farben, Verläufe und Kompositionen. Erst danach lasse ich bewusst Chaos zu.

Für mich ist es ein kontrolliertes Chaos. Die Farbwürfe und Bewegungen kann man nur bedingt planen. Genau das macht den Prozess spannend. Manchmal brauche ich danach ein paar Tage Abstand, um zu sehen, was wirklich entstanden ist.

Feuer, Wasser, Pflanzen, Licht – deine Inspiration kommt aus elementaren Kräften. Was suchst du in diesen Elementen?

Mich interessiert vor allem die Energie. Feuer, Wasser, Wellen oder Pflanzen haben etwas Rohes, Unverstelltes. Eine Welle spielt keine Rolle, Feuer inszeniert sich nicht, eine Pflanze wächst einfach.

Bei Menschen ist vieles überlagert – durch Rollen, Kleidung, Social Media oder Erwartungen. In der Natur sehe ich eine ehrlichere Energie. Diese Kraft versuche ich in meinen Bildern festzuhalten.

”Mich interessiert nicht nur das einzelne Bild, sondern das Zusammenspiel aus Werk, Raum, Licht und Mensch.“

Du kommst aus Design, Struktur und klaren Systemen. Was musstest du verlernen, um frei arbeiten zu können?

Ich musste lernen, dass man ein Bild nicht bis zum Ende kontrollieren kann. Im Design gibt es Steuerung-Z. In der Malerei nicht. Natürlich kann man übermalen, aber jeder Schritt bleibt Teil des Prozesses.

Am Anfang war es schwer für mich, zu akzeptieren, dass ein Bild anders wird als die Vorstellung im Kopf. Heute weiß ich: Gerade daraus entstehen oft die stärksten Momente.


Elektronische Musik begleitet deinen Schaffensprozess. Wenn man deine Bilder hören könnte – wie würden sie klingen?

Wahrscheinlich wie ein Bassdrop auf einem Festival, wenn die Laser angehen. Techno begleitet mich schon sehr lange, und diese Energie, dieses Licht, diese Neonfarben finden sich in meinen Arbeiten wieder.

Bei manchen Bildern höre ich eher Natur: das Rauschen einer Welle, das Knistern von Feuer. Es geht weniger um Melodien, mehr um Sounds, Druck, Bewegung und Energie.


Du beschreibst dich als Träumer, der gleichzeitig nach Ordnung sucht. Ist dieses Spannungsfeld Konflikt oder Stärke?

Beides. Ich brauche Struktur, aber ich kann sie nicht dauerhaft halten. Es gibt Phasen, in denen ich extrem ordentlich und geplant bin – und dann Phasen, in denen ich tagelang fast nur im Atelier bin und alles andere unwichtig wird.

Heute sehe ich genau darin eine Stärke. Die Struktur gibt mir Halt, aber das Träumerische bringt die eigentliche Kunst hervor. Ich möchte, dass Menschen vor meinen Bildern wieder anfangen zu träumen und Dinge sehen, die vielleicht nicht einmal ich gesehen habe.


Im Rahmen unserer Zusammenarbeit hängen fünf deiner Arbeiten in einer Villa über Heidelberg. Einige davon hast du eigens für das Objekt angefertigt. Wie weißt du, welches Bild in einen Raum passt?

Das Wohnzimmer war für mich der zentrale Raum. Der Blick reicht von Heidelberg bis nach Mannheim, direkt in den Sonnenuntergang. Deshalb wollte ich dort ein Bild, das diese Leuchtkraft aufnimmt – mit Gelb, Pink und einer Art Horizon-Stimmung.

Im Schlafzimmer wurde es ruhiger: Blautöne, Nachtstimmung, Blue Hour. Im Wintergarten passte ein klares blaues Bild aus meiner Ocean-Serie, weil der Raum selbst etwas Zurückgezogenes hat.

Die Villa war für meine Arbeiten ein sehr besonderer Rahmen. Viel neutrale Architektur, starke Räume, gutes Licht. Meine Bilder durften dort kraftvoll sein, ohne mit dem Haus zu konkurrieren. Genau darum geht es: Kontrast setzen, aber trotzdem Harmonie schaffen.

Tim, vielen Dank für das Gespräch.

Fotos & Text: Marian D. Wensky

— Eigentümer Hans Jürgen S.

”Die Präsentation der Wohnung war ausgezeichnet, und wir wurden vom Anfang bis zum Ende perfekt betreut!“

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